Andreas Reckwitz, Author of The Invention of Creativity

Best before date on a novelty? Andreas Reckwitz on a culture of innovations

Dirk Dobiéy Insights, Interview 0 Comments

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Age of Artists met with Professor Reckwitz, a leading expert on sociology and culture in Berlin and asked the scientist, among other things, whether it is at all possible and necessary to create something new.

For Reckwitz, it is important to start by clarifying what “new” actually means: “Modernity, or late modernity is a culture that puts a lot of emphasis on the notion of novelty. In my book, I distinguished between three different forms of the New. New I is what we know from the French Revolution: A status is achieved that is completely new and progressive and that’s it. New II is the model of technological progress and represents the New in a sense of ‘surpassing’. In this case, new technical solutions are constantly on offer and this continues in an infinite process. New III is finally the aesthetically New: it is a kind of stimulus, excitement and intensity, or the surprising and original. It’s not really a step forward, but rather based on the moment and quickly replaced by something else.”

Due to the constant interaction between routine and innovation there is a danger of adopting one novelty after the other at an increasing pace until this process can no longer be handled. Thus, the appreciation of the established and proven is left behind: “By now, I see the problem that the focus related to goods has shifted too much in favor of novelty and to the disadvantage of routine, although it is clear that especially creative and artistic professions are largely based on routine.To a considerable extent, writing a novel or painting a picture is a routinized technique. It also requires specific skills that need to be acquired and trained in an extended process. I think we would have come a long way if the education system emphasized a long-time approach to acquiring skills that enable such routines in the first place. It is not about a routine that relies on mindless repetition, but on complex skills.” And this routine you have to master if you want to be able to create something new, says the expert on sociology and culture.

Another topic we talked about was the intimacy of the aesthetic-creative and the economy. Is it a good or bad thing? Especially on the labor market, Reckwitz observes the following trends: “More and more workers expect from their job that it also provides sensuous and meaningful value – an intrinsic motivation that we traditionally know from the arts and related areas. But also from a consumers’ perspective you could state that the aestheticization of goods constitutes a consistent, reasonable development. The supply of goods that are instrumentally rational has run out. Today, people rather expect goods to provide sense and sensuousness, that they offer new experiences. This development also affects the provisioning of services. I refer to the combination of both processes as a culturalization of the economy, which is a logical response to perceived deficiencies on the part of employees as well as on the part of consumers.” But how is it that the connection of aesthetics and economy now seems to be particularly relevant? Is it possible that it has always been there, but our perspective changed only in the course of industrialization?
“Yes and no. If you look at the Arts and Crafts movement of the 19th century – for example, John Ruskin -, you will find ideas that go into this direction. And if you go back to the early modern period to Da Vinci, one can also observe that craft and art were not separate. Art was also crafts, people worked in teams and under a division of labor. This already existed, but I think that in the modern world and especially in the late modernity a specific constellation came into being. Because now we have both the absolutization of the aesthetic, as it could only arise in modernity, as well as the one-sidedness of the rational through large, formal organizations.”

Read the full interview with Professor Reckwitz here (German only)

Novum mit Verfallsdatum? Andreas Reckwitz über eine Kultur der Neuheiten

Age of Artists hat Professor Reckwitz in Berlin getroffen und den Soziologie- und Kulturexperten unter anderem gefragt, ob es überhaupt noch möglich und nötig ist etwas Neues entstehen zu lassen.

Für Reckwitz ist es erst einmal wichtig zu klären was neu bedeutet: „Die Moderne bzw. Spätmoderne ist eine extrem novitätsorientierte Kultur. In meinem Buch hatte ich zwischen drei verschiedenen Formen des Neuen unterschieden. Neu I ist das, was man auch aus der französischen Revolution kennt: Dort wird ein Status erreicht, der vollständig neu und fortschrittlich ist und dann bleibt es auch dabei. Neu II ist das Modell des technischen Fortschritts und steht für das Neue als Überbietung. Hier werden ständig neue technische Lösungen geboten und das in einem unendlichen Prozess. Neu III ist schließlich das ästhetisch Neue: Hier ist das Neue eine Art Reiz, Erregung und Intensität, oder auch das Überraschende und Originelle. Es ist nicht wirklich ein Fortschritt, sondern eher momenthaft und wird schnell von etwas anderem abgelöst.“

Durch die ständige Wechselwirkung von Routine und Neuerung entsteht die Gefahr, dass immer schneller eine Novität nach der anderen rezipiert wird und dieser Prozess ein unhaltbares Tempo aufnimmt. Dabei bleibt die Wertschätzung für das Etablierte und Erprobte auf der Strecke: „Ich sehe mittlerweile das Problem, dass die Ware sich zu sehr zu Gunsten der Novitätsorientierung verschoben hat und zu Ungunsten der Routine, obwohl es klar ist, dass gerade auch kreative und künstlerische Berufe zum großen Teil auf Routine beruhen. Das Schreiben an einem Roman oder das Malen an einem Bild ist zu einem erheblichen Teil eine routinisierte Technik, die auch bestimmte Kompetenzen erfordern, die in einem langen Prozess erst mal erworben und trainiert werden müssen. Ich denke es wäre schon viel gewonnen, dass auch im Bildungsbereich Wert darauf gelegt würde, dass man langfristig solche Kompetenzen erwerben kann, die überhaupt erst solche Routinen ermöglichen. Es geht dabei nicht um eine Routine, die auf einer geistlosen Wiederholung beruht, sondern auf komplexen Kompetenzen.“ Und diese Routine muss man erst beherrschen, um überhaupt wirklich Neues erschaffen zu können, fasst der Soziologie- und Kulturexperte zusammen.

Ein anderes Thema im Interview mit Age of Artists ist die Ist Innigkeit des Ästhetisch-Schöpferischen mit der Ökonomie. Ist sie gut oder schlecht? Gerade auf dem Arbeitsmarkt beobachtet Reckwitz folgende Tendenzen: “Immer mehr Arbeitnehmer erwarten von ihrem Beruf, dass er auch sinnlichen und sinnhaften Wert hat – eine intrinsische Motivation, die man klassischerweise aus der Kunst und benachbarten Bereichen kennt. Aber auch von Seiten der Konsumenten kann man sagen, dass die Ästhetisierung der Güter eine konsequente, zweckrationalen Güter ist spätestens seit den 1970er Jahren erschöpft. Es wird nun vielmehr erwartet, dass die Güter Sinn und Sinnlichkeit, dass sie neue Erfahrungen bieten. Diese Entwicklung betrifft auch Dienstleistungen. Ich bezeichne beide Prozesse zusammen als eine Kulturalisierung der Ökonomie, die eine konsequente Antwort auf wahrgenommene Defizite auf Seiten der Arbeitnehmer als auch auf Seiten der Konsumenten ist.” Doch wie kommt es, dass die Verbindung des Ästhetischen mit dem Ökonomischen jetzt besonders relevant erscheint? Ist sie nicht vielleicht schon immer da gewesen aber unser Blickwinkel hat sich diesbezüglich erst im Zuge der Industrialisierung verändert? “Ja und nein. Wenn man sich die Arts and Crafts-Bewegung des 19. Jahrhunderts anschaut – John Ruskin etwa -, findet man Ideen in diese Richtung. Und wenn man in die frühe Neuzeit zu Da Vinci zurückgeht, kann man auch beobachten, dass Handwerk und Kunst dort nicht getrennt waren. Kunst war auch Kunsthandwerk, es wurde im Team und arbeitsteilig gearbeitet. Das gab es schon, aber trotzdem denke ich, dass in der Moderne und gerade in der Spätmoderne doch noch mal eine besondere Konstellation einsetzt. Denn mittlerweile haben wir sowohl die Verabsolutierung des Ästhetischen, wie sie nur in der Moderne entstehen konnte, erfahren als auch die Vereinseitigung des Rationalen durch die großen, formalen Organisationen.”

Hier lesen Sie das ganze Interview mit Professor Reckwitz.


Blog post by Johanna Darbritz
Translation by Hendrik Achenbach

Picture Source: Andreas Reckwitz
Reckwitz Book “The invention of creativitiy” was published on Suhrkamp.

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